|
Lonnie Johnson: CDs und Literatur im Überblick
Lonnie Johnson (1894? - 1970) war der bedeutendste und vielseitigste Bluessänger und -gitarrist seiner Zeit: „His musical works may and should be the first book in the blues bible”, so hat
das etwa Brownie Mc Ghee ganz zutreffend ausgedrückt. Die Musiker wussten das natürlich alle. Entsprechende Aussagen beispielsweise von B. B. King wie von Henry Townsend oder von John Lee Hooker
demonstrieren das. Johnson war 1925 der erste männliche Bluesstar, noch vor Blind Lemon Jefferson, Blind Blake und Charlie Patton. Gemeinsam mit Eddie Lang hat er Mitte der zwanziger Jahre das
Gitarrenspiel revolutioniert. Sein Einfluss geht also weit über den Blues im engeren Sinne hinaus.
Johnson hatte eine sehr wechselhafte Karriere. Von 1925 bis 1932 war er einer der populärsten schwarzen Plattenstars. Er hat mehr als hundert Stücke unter eigenem Namen
veröffentlichen können. Daneben hat er noch mit allerlei weiteren bekannten Musikern zusammen gespielt, etwa Louis Armstrong, Duke Ellington, Eddie Lang und Clara Smith. Danach musste er sich mehrere
Jahre mit außermusikalischen Jobs über Wasser halten, bevor er ab 1937 wieder Aufnahmen machen konnte: zuerst für Decca und Bluebird, später für King. Für letztere Firma spielte er 1947 „Tommorrow Night”
ein, einer der größten Rhythm & Blues Hits dieser Jahre. Anfang der fünfziger Jahre verschwand er langsam von der Szene, obwohl er vorher noch als einer der ersten Bluesmusiker eine England-Tournee
machen konnte.
Das Blues-Revival der sechziger Jahre brachte ihn wieder zurück in die Clubs und Plattenstudios, allerdings nicht in dem Umfang, wie er es verdient hatte. Für das Label
Bluesville nahm er eine ganze Reihe von Schallplatten auf, 1963 kam er mit dem American Folk Blues Festival nach Europa. Allerdings machte er es seinem potentiellem Publikum nicht zu einfach, weil er
sich nun wirklich nicht als „ländlicher” Bluessänger á la Son House verkleiden konnte und wollte. Außerdem hatte er ein Faible für klassische Popballaden á la „Red Sails In The Sunset” oder „Summertime”,
was manche authentizitätsverliebte Bluesfans gar nicht zu schätzen wussten. Trotzdem blieb ihm immer eine kleine und engagierte Fangemeinde. Dazu gehörte übrigens auch Bob Dylan, der noch 1985 stolz
darauf war, dass er 1963 in Gerde’s Folk City mal mit Johnson zusammenspielen durfte.
CDs
Es gibt drei Kollektionen, die einen Einblick in Lonnie Johnsons Werk bis in die vierziger Jahre bieten: Blues In My Fingers, Indigo IGOCD 2009 amazon.de Hot Fingers, Catfish KATCD 110 [1925-1940]
The First Of The Guitar Heroes 1925 - 1947, Fremeaux FA 262 (2 CDs) amazon.de Die Indigo-Kompilation empfinde ich immer noch als die beste Einführung in Johnsons Musik. Sie ist vorzüglich zusammengestellt und enthält eine ganze Reihe seiner besten Aufnahmen:
„Handful Of Riffs” und „Blue Guitars” mit Eddie Lang, „Four Hands Are Better Than Two”, eines seiner besten Soli; „Careless Love”, „She’s Making Whoopee...", „Blue Ghost Blues”, „Winnie The Wailer”
usw. Bisher hat noch keine Firma eine bessere Sammlung herausgebracht. Die Catfish-CD kann als halbwegs sinnvolle Ergänzung dienen. Es gibt nur fünf Überschneidungen. Allerdings ist die Zusammenstellung
nicht ganz so gut gelungen. Die Doppel-CD von FA hätte eine Alternative sein können, aber meiner Meinung nach lohnt sie sich nicht: sie bietet zu wenig Musik und ist dafür etwas zu kostspielig. Auch die
Tonqualität ist nicht so herausragend, dass es zu einer ausdrücklichen Empfehlung reicht.
Weitere Sammlungen sind: Steppin’ On The Blues, Columbia/Legacy [1925-32] He’s A Jelly Roll Baker, RCA Bluebird 66064-2 [1939-1944]
Blues In My Soul, EPM Blues Collection 159032 [1937-1946] amazon.de Lonnie Johnson & Eddie Lang, Blues Guitars Vol. 1 & 2, Beat Goes On BGOCD 327. Lohnenswert ist die RCA-Kompilation. Hier findet man 20 Stücke aus seiner Zeit bei Bluebird
in hervorragender Qualität. Diese CD ist schon älteren Datums. Bei einigen Versendern ist sie noch lieferbar, teilweise zum „Ausverkaufspreis”. Empfehlenswert sind auch die Beat Goes On-CDs, die aber
auch nicht überall zu finden sind. Diese Sammlung bietet die Duetts von Lang und Johnson und dazu noch eine Handvoll weiterer Aufnahmen dieser beiden wegweisenden Gitarristen.
Mit solchen Zusammenstellungen ergibt sich allerdings schnell das Problem, das man immer dieselben Lieder bekommt. Den Produzenten der jeweiligen Firmen mangelt es leider häufig
an Phantasie. Viele von Johnsons besten Aufnahmen finden sich gar nicht auf diesen genannten Kompilationen. Meine persönliche Empfehlung ist: mit den CDs von Indigo, RCA und eventuell Catfish hat man
eine gute Grundlage. Weitere Best-of-CDs sollte man sich ersparen und stattdessen direkt auf die bei Document erschienenen Gesamtausgaben zurückgreifen: Complete Recorded Works Vol. 1 - Vol. 7 1925 - 1932, Document DOCD 5063-5069.
Complete Recorded Works Vol. 1 - Vol. 3 1937 - 1947, Document BDCD 6024-6026. Nun ist es in der Tat ein gewisses Problem, dass sich Lonnie Johnson sehr häufig wiederholt hat. Er war ein
besonders befähigter Vertreter des musikalischen Recyclings und hat gewisse Melodien und Begleitmuster im Übermaß benutzt. Das ist allerdings nicht so unangenehm, wie das gelegentlich zu lesen ist. Es
gibt noch reichlich viel gute Musik auf diesen CDs zu entdecken. Die Tonqualität ist in der Regel in Ordnung, fällt allerdings gegenüber manchen späteren Kompilationen etwas ab.
Vol. 1 ist beispielsweise sehr aufschlussreich. Hier experimentiert er noch mit allerlei verschiedenen Instrumenten. Vor allem seine Aufnahmen mit Violine sind interessant. Auch
kann man hier hören, wie er seinen Gesangsstil und seinen Umgang mit der Bluesform entwickelt. Auf den folgenden CDs finden sich allerlei weitere vorzügliche Stücke. Vol. 2 enthält etwa das wunderschöne
„A Broken Heart That Never Smiles”, auf Vol. 4 hört man den beeidruckenden „Broken Levee Blues”, die schöne Ballade „I’m Tired Of Living Alone” wie auch das bemerkenswerte „When You Fall For Someone
That’s Not Your Own”. Auch Johnsons Duette mit Victoria Spivey und seine teilweise misslungenen Hokum-Versuche gibt es auf dieser CD. Er war ein ganz vorzüglicher und phantasievoller Texter, der
allerdings gelegentlich der Misogynie verfiel. Manche Aufnahmen sind in der Tat Geschmacksache. Aber: wer Johnson wirklich kennen- und schätzen lernen will, der kommt an dieser Gesamtausgabe nicht
vorbei.
Nicht auf diesen CDs enthalten sind - bis auf wenige Ausnahmen - die vielen Aufnahmen von Johnson als Begleitmusiker. Am wichtigsten ist natürlich seine Tätigkeit für Louis
Armstrong und Duke Ellington. Was die fünf Aufnahmen mit Armstrong betrifft, so verweise ich immer gerne auf die definitive Gesamtausgabe, die man sowieso haben sollte: Louis Armstrong, Hot Fives and Sevens, JSPLOUISBOX 100, (4 CDs)
Mit Duke Ellington hat er im Oktober 1928 drei Stücke eingespielt: „The Mooche”, „Move Over” und „Hot And Bothered”, die sich auf allerlei Ellington-Kompilationen finden. Ich erwähne jetzt nur
die einschlägige Folge der Gesamtausgabe beim französischen Label Jazz Classics: Duke Ellington, 1928, Jazz Classics Johnsons Arbeiten für seine Blues-Kollegen möchte ich hier mal außer Acht
lassen. Einen Hinweis lohnt aber seine Zusammenarbeit mit Texas Alexander. Eine gute Auswahl findet sich auf: Texas Alexander, 98o Blues, Catfish, KATCD 122.
1947 wechselte Lonnie Johnson zu King-Label in Cincinnatti und hatte dort mit „Tomorrow Night” einen großen Erfolg. Leider ist diese Zeit noch nicht so gut mit CDs abgedeckt.
Lohnenswert ist aber: Me And My Crazy Self, Charly CD 266 Diese Kompilation ist schon etwas älter und nicht mehr überall zu bekommen. Leider enthält sie nicht seine bekanntesten Aufnahmen
aus diesen Jahren. „Tomorrow Night” etwa fehlt. Das Stück findet man gelegentlich auf Samplern. Aber stattdessen lässt sich schön besichtigen, wie Johnson seinen Sound modernisiert hat. Ganz
offensichtlich hat ihn T-Bone Walker nicht unbeeinflusst gelassen.
Für die sechziger Jahre ist die Situation bedeutend besser. Seine Bluesville-Platten sind ohne Ausnahme auf CD wiederveröffentlicht worden. Ich möchte jetzt nicht alle
aufzählen. Empfehlenswert sind aber beispielsweise: Blues By Lonnie Johnson, Prestige/Bluesville OBCCD-550-2 amazon.de [with Elmer Snowdon] Blues And Ballads, Prestige/Bluesville OBBCD-531-2 amazon.de Losing Game, Prestige/Bluesville OBBCD-543-2 amazon.de Another Night To Cry, Prestige/Bluesville OBCCD-550-2 Insbesondere
die Aufnahmen mit Elmer Snowdon bieten teilweise wunderschöne Musik. Allerdings ist nicht alles aus diesen Jahren so gut gelungen. Johnson verfällt gelegentlich in nicht sonderlich angenehme kitschige
Sentimentalität. Und auch manche seiner selbstverfassten Stücke kann ich nicht unbedingt als Meisterwerke bezeichnen. Viel besser sind: Blues Masters Vol. 4, Storyville CD Lonnie Johnson, The
Complete Folkways Recordings, Smithonian/Folkways CD SF 40067. amazon.de Die erstgenannte CD enthält vierzehn 1963 in Kopenhagen eingespielte Stücke, bei denen er teilweise von Otis Spann begleitet wird. Die Folkways-Sammlung bietet Solo-Aufnahmen aus dem Jahre
1967. Diese CD möchte ich nachdrücklich empfehlen. Sie ist schlicht und einfach beeindruckend. Er singt Pop-Standards, einige Blues-Nummern und auch eine Handvoll eigener Werke so souverän und
selbstsicher, dass man nur noch erstaunt zuhören kann. Wer den Johnson der sechziger Jahre kennenlernen möchte, der sollte hiermit beginnen.
Literatur
Leider spiegelt sich Johnsons herausragende historische Rolle nicht in der Menge der verfügbaren Literatur wider. Eine Biographie gibt es leider nicht. Alle notwendigen
diskographischen Angaben lassen sich in den beiden einschlägigen Standardwerken nachschlagen: Mike Leadbitter & Neil Slaven, Blues Records 1943 - 1970. A Selective Discography. Volume 1: A to
K, London: Record Information Service, 1987 Robert M. W. Dixon, John Godrich & Howard Rye, Blues & Gospel Records 1890-1943, 4th Edition, Oxford: Oxford University Press 1997. Lonnie Johnsons komplette Texte findet man in:
Robert MacLeod (ed.), Document 2, Edinburgh: PAT Publications 1995 [1925-1932] Robert MacLeod (ed.), Blues Document, Edinburgh: PAT Publications 1997 [1937-1947]
Wer sich über Johnson informieren will, der greift zuerst am besten zu: James Sallis,The Guitar Players. One Instrument & Its Masters In American Music,
Lincoln & London: University Of Nebraska Press, 1994. amazon.de Das entsprechende Kapitel ist informativ, kompetent und sicher geschrieben, vor allem aber vermeidet der Autor die in der Bluesforschung immer noch üblichen Vorurteile über
„städtischen” oder „kommerziellen” Blues. Ganz im Gegenteil: er zeigt ganz genau Johnsons Position in der Geschichte des Blues und Jazz nach und skizziert seine Rolle als musikalischer Pionier wie auch
als Ausgangspunkt für fast alle, die nach ihm kamen. Dieses Buch enthält übrigens noch weitere interessante Beiträge über andere wichtige Gitarristen wie Eddie Lang, Roy Smeck, Hank Garlan, T-Bone Walker
und Michael Bloomfield und ist daher sowieso nachdrücklich zu empfehlen.
Ergänzend möchte ich noch hinweisen auf ChrisAlbertsons sehr persönlichen Beitrag zu: Pete Welding & Toby Byron (ed.), Bluesland. Portraits Of Twelve Major American
Blues Masters, New York: Dutton, 1991. Der Autor hat Johnson zu Anfang der sechziger Jahre „wiederentdeckt”. Er skizziert seine Karriere zur Zeit des Folk- und Bluesrevivals und gibt einen knappen
Einblick in seine frühen Jahre. Dieses Buch ist leider schon längere Zeit vergriffen. Wer es findet, der sollte zugreifen. Es ist sehr vorzüglich mit Bildern ausgestattet und bietet außerdem noch
interessant Artikel etwa über Bessie Smith, Blind Lemon Jefferson, Muddy Waters und Howlin’ Wolf.
Im 78 Quarterly 19 [1999] findet sich ein Artikel von Gary Fortine über Johnsons Zeit in Cincinnatti, der allerdings nicht sonderlich gehaltvoll ist. Eher lohnt sich ein Blick in Blues Access 32 [1998]. John Goddard berichtet über Johnsons letzte Lebensjahre in Toronto. Hilfreich ist auch die oben genannte Folkways-CD, die eine knapp vierminütige lebensgeschichtliche Erzählung Johnsons enthält. Die liner notes von Samuel Charters sind informativ und fair.
Stefan Grossman hat ihm einen Band seiner Reihe Masters of Country Blues Guitar gewidmet: Stefan Grossman’s Masters Of Country Blues Guitar: Lonnie Johnson, Miami: CPP
Belwin, 1993. Jas Obrechts solide und kenntnisreiche Einführung gibt einen knappen Überblick über Johnsons Karriere, Grossman liefert für 16 Stücke kompetente Transkriptionen. Leider hat er nicht
immer die kompletten Aufnahmen in Noten und Tabulatur gesetzt, teilweise beschränkt er sich auf die Einleitung oder die Soli. Eine erfreuliche Zugabe ist eine CD mit den Originalaufnahmen.
An Transkriptionen herrscht kein Mangel, eine zweiten Band hat im selben Jahr Lenny Carlson herausgebracht: Lenny Carlson, Away Down In The Alley. The Great Blues Guitar
Of Lonnie Johnson, Pacific, MO: Mel Bay, 1993. Da liegt leider keine CD bei, dafür hat er 14 Stücke vom Anfang bis zum Ende transkripiert und sich auch an vier der legendären Gitarrenduette mit
Eddie Lang herangewagt. Carlsons Buch ist eine beispielhaft gute Edition. Wer mehr über Johnsons Gitarrenstil lernen will, sollte sich diese Ausgabe zuerst zulegen. Allerdings: es hat mich doch
gewundert, daß Carlson und Grossman teilweise dieselben Aufnahmen genommen haben. Bei der Unmenge an verfügbaren Platten hätte man sich doch vielleicht ein bißchen besser absprechen können, auch wenn die
Bücher in verschiedenen Verlagen erschienen sind. Ebenso habe ich es etwas bedauert, dass beide sich auf Stücke aus Johnsons erster Phase bis 1932 beschränken. Einige Beispiel aus späteren Jahren wären
angebracht, da er seinen Gitarrenstil in den frühen vierziger Jahren doch etwas geändert hat. Hier kann man als Ergänzung noch James Daltons Beitrag in der Blues Revue 8 [1993] mit einer Transkription des Solos in „Rocks In My Bed” heranziehen.
Ansonsten findet man natürlich noch in allen Blues-Geschichten und -Lexika etwas über Lonnie Johnson, aber das ist häufig nicht sehr hilfreich. Ganz offensichtlich hat auch noch
niemand ganz nachdrücklich seine Lebensgeschichte erforscht. Manche Angaben widersprechen sich, andere sind gelegentlich etwas zweifelhaft. Am besten ist noch der kurze und informative Text in: Gérard Herzhaft, Enzyklopädie des Blues, St. Andrä/Wördern: Hannibal, 1998. amazon.de Auch die liner notes zu den oben genannten CDs bieten manchmal hilfreiche Informationen. Aber hier kommt man schon zum Ende der Aufzählung. Wie gesagt: die Literaturlage ist sehr dünn. Bisher hat sich kaum ein Blues-Experte mal genötigt gesehen, etwas wirklich Kompetentes über Lonnie Johnson zu verfassen. Das ist in der Tat bedauerlich. Ich weiß nicht, ob jemals eine ausführliche Biographie zu erwarten ist. Verdient hätte er es.
© Jürgen Kloss 2000 addenda Bücher & CDs zur älteren populären Musik http://www.v-jk.de
eMail: webmaster@v-jk.de VÖ: 30.07.2000.
|